1. Einleitung
Zuerst einige Vorbemerkungen zum Thema. Ich habe gewählt für Tillich und Berkhof weil beide im vergangenen Jahrhundert eine vollständige Geschichtstheologie entwickelt haben. Tillich entwickelte dabei ein philosophisch-theologisches und Berkhof ein biblisch-theologisches Konzept.[1] Es wird interessant sein diese Konzepte mit einander zu vergleichen. Ueberdies war Berkhof ein holländischer Theologe und es freut mich in diesem Gremium einen Holländer zur Sprache zu bringen, der bei uns Furore gemacht hat in den fünfziger, sechziger und siebziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts. Das tertium comparationis ist die Frage nach der Geschichte und die der Mittebestimmung.
Am Schluss meines Beitrags möchte ich auch noch etwas sagen über die heutige kirchliche Lage in Holland nach der Wiedervereinigung der reformatorischen Kirchen. In unserm Lande hat nämlich vor einigen Monaten eine Fusion stattgefunden.
Leben und Werk Paul Tillichs sind hier genugsam bekannt. Hendrikus Berkhof (1914 bis 1995) braucht jedoch eine kurze Introduktion. Er studierte Theologie in Leiden. Seine Dissertation (1939) befasste sich mit der Theologie des Euseb von Caesarea. Er war Pfarrer in Lemele und Zeist und Dozent am Seminar “Kirche und Welt” zu Driebergen. Von 1960 bis 1981 war er Ordinarius Dogmatik und biblische Theologie an der theologische Fakultät in Leiden. In 1948 war er Abgeordneter der Nederlandse Hervormde Kerk in der damals in Amsterdam gestifteten Weltrat der Kirchen. Von 1954 bis 1974 war er Mitglied des Zentral Komites der Weltrat der Kirchen. Innerhalb der Nederlandse Hervormde Kerk hatte er lange Zeit eine wichtige Rolle gespielt und genoss das Vertrauen der konfessionellen Seite dieser Kirche. Dennoch war er bereit Neues zu erwägen, stand er offen für die ökumenische Bewegung und war sehr sozial engagiert. Seine Werke umfassen das Gebiet der Dogmatik und der Theologiegeschichte. Wir nennen hier: De geschiedenis der kerk (1941), De crisis der middenorthodoxie (o.J.), Gegronde verwachting (1968), Christelijk geloof (1973) und 200 Jahre Theologie (1985).[2]
2. Was ist Geschichte?
2.1 Berkhofs biblisch-theologische Annäherung
Obwohl Berkhof erst 1973 eine zusammenhängende Dogmatik schrieb, stellt seine Monographie “Christus de zin van de geschiedenis” sich hin als representativ für sein ganzes Denken.[3] In späteren Jahren hat er hinsichtlich dieser Studie wohl hingewiesen auf die Gefahr des Biblizismus und der Spekulation, aber er blieb einstehen für seine Botschaft.[4]
In der Einleitung stellt Berkhof fest, dass die Geschichte immer im letzten Kapitel der Dogmatik versteckt ist nämlich in der Eschatologie. Man hat noch nie eine “Theologie der Geschichte” entwickelt. Diese Herausforderung nimmt er jetzt an. Hierbei läßt er sich leiten durch die ‘biblische Theologie’ (11). Geschichte ist das Feld der menschlichen Entscheidungen. In der Geschichte wird der Kulturauftrag der Menschheit verwirklicht. Den Sinn der Geschichte müssen wir verstehen als Ziel (telos) der Geschichte (13). Im historischen Prozess ringt der Mensch sich los aus dem Kreislauf der Natur. Er erlebt sich selbst nicht länger als eine Funktion des harmonischen Kreislaufs der Natur. Er stellt sich damit der Natur gegenüber. Er emanzipiert sich. Der kritische Sinn wacht auf: das Menschsein in seiner Einzigartigkeit.
Das historische Bewusstsein verdanken wir den Griechen (Herodotos). Trotzdem ist bei den Griechen nicht oder kaum die Rede von Geschichte als ein zielorientierter Prozess. Das würde nicht übereinstimmen mit dem griechischen Geist. Die Zeit als solche partizipiert nicht am Ewigen und hat deshalb keinen eigentlichen Sinn. Das Fortschreiten der Zeit wurde von den Griechen negatif beurteilt und pessimistisch belebt. Wer Zeit sagt, sagt Vergänglichkeit. Geschichte lenkt ab von der idealen zeitlosen Welt der Ideen. Die ersten Ansätzen einer zielorientierten Geschichtsauffassung entfalteten sich in Persien (Zarathustra), aber erst in der Religion Israels wird die rein lineare Geschichtsauffassung thematisiert. In Israel gibt es einen Ausbruch aus dem Kreislauf durch das Wort, das Antwort fragt und dann entscheidend und richtunggebend dem Menschen durch die Zeit vorausgeht. Damit ist die Geschichte viel radikaler als in Hellas der Natur enthoben. Berkhof zitiert in diesem Zusammenhang die schönen Verszeilen von Guillaume van der Graft:
Een stem doorbrak de stomme ring
van het bestaan waarin hij was
besloten, hij wordt waterpas
geschoven op de lange baan
waarlangs hij voortaan voort zal gaan[5]
Diesem jüdisch-christlichen Bewusstsein ist eine Vielzahl von Geschichtsauffassungen entsprungen. Es ist Augustinus gewesen der das klassische Werk der christlichen Geschichtsauffassung geschrieben hat: De civitate dei. Demzufolge ist der Sinn der Geschichte geliegen in dem Ringen zwischen Gut und Böse, zwischen dem irdischen und dem ewigen Reich. Das christliche Geschichtsdenken wurde viele Jahrhunderte lang von Augustinus geprägt. Erst mit Lessings “Die Erziehung des Menschengeschlechts” findet ein Umdenken statt. Diese Schrift markiert den Übergang zu einem anderen Erleben der Geschichte unter den Intellektuellen in West-Europa. Lessing stellt die Geschichte dar als eine Erziehung Gottes in der das nächste Stadium durch die Offenbarung leichter zu erreichen ist als durch die Rede allein. Das Endziel ist erreicht als der Mensch, ganz vernünftig geworden, ausschliesslich durch die Rede motiviert das Gute tun wird. Dann ist die Zeit des ewigen Evangeliums angebrochen. Die christliche Geschichtsauffassung wurde lange Zeit karakterisiert durch den Kampf zwischen den zwei Reichen. Jetzt tritt jedoch die Idee der Entwicklung an ihre Stelle. Die Geschichte wird nicht länger fortgetrieben von den widerstreitenden Kräften von Gut und Böse, sondern durch die guten Kräften die Gott in die Menschen gelegt hat. Diese neue Auffassung kann als immanent, evolutionistisch und idealistisch bezeichnet werden (21).
Die abendländische Geschichtsphilosophie entwickelte sich ferner auf lessingschen Linien. Im Positivismus wird eine kausal-mechanische Erklärung des historischen Prozesses kombiniert mit der Idee der Zielorientiertheit. Nietzsche ist derjenige der in seiner Lehre von der ewigen Wiederkehr wieder abrechnet mit dem Gedanken des Fortschrittes und der Zweckmässigkeit. Der Historismus hat versucht der Individualität und Unwiederholbarkeit der historischen Phänomenen gerecht zu werden, konnte aber dem Relativismus nicht entweichen. Schliesslich wird eine Müdigkeit der europäischen Kultur fühlbar, ein Verlust an Geschichtsbewusstsein. Dies zeigt sich am deutlichsten in Spenglers Untergang des Abendlandes. Und dann gibt es Marx, der stammend aus der Schule der Hegelianer, den Fortschrittsgedanken und das zielgemässe Denken auf die Geschichte überträgt und zwar in einer positivistisch-materialistischen Weise. Aufs neue gibt es ein Ziel! Mit Recht hat man auf den prophetisch-messianischen Charakter seines Denkens hingewiesen. Damit ist jedoch die abendländische Kultur in ein unseliges Dilemma geraten: falsche Sinngebung oder gar keine Sinngebung. Diesem Dilemma hofft Berkhof mit seiner biblischen Theologie zu entweichen.[6]
Berkhofs biblische Theologie entfaltet sich wie folgt. Gottes Anstoss zur Geschichte fängt an mit Abraham, der weggerufen wird aus dem naturalistischen Kreislauf der Existenz. Der Exodus aus Ägypten war die “Eröffnung der Geschichte” (34). Die Königspsalmen zeigen, dass die Geschichte der Weg ist, auf dem Gott, der König, tritt sieghaft und um zu siegen von der Schöpfung bis zur Vollendung. Die Propheten zeigen, dass Gott – anders als beim Dualismus Zarathustras – ringend Gott bleibt und souverän über seinen eigenen Kampf erhaben ist. Die Gegenmächte sind nicht nur Gegenmächte, sondern auch Mittel in seinem Hand. Und auch Israel wird unter die Mächte gerechnet, die Gottes Herrschaft zuwider sind (40). In der alttestamentlichen Apokalyptik intensiviert sich dieses Bild. Gog ist der letzte grosse Gegner, der von Gott aufgerufen wird um an ihm seine göttliche Überlegenheit zu demonstrieren. In Jesus ist das eschatologische Reich nahe gekommen (realized eschatology – Dodd). Durch ihn werden die Gegenmächte gebrochen und endgültig überwunden. Das Reich Gottes ist nahe gekommen… aber es bekommt in der Gestalt von der Mission und von dem Leiden eine irdisch-historische Dauer und der Umfang dieser Dauer / dieser Zwischenzeit ist unbekannt (68).
Berkhof gibt der Mission einen hohen Stellenwert. Wir können die Reichsgeschichte die von Jesus durch Kreuz und Auferstehung in Gang gesetzt ist und von der Missionsarbeit überall in der Welt verwirklicht wird, umschreiben als eine sich weltweit realisierende Analogie zu dem Christusgeschehen (74). So wird durch die Mission Geschichte gemacht. Mission bringt Freiheit. Und Freiheit ist nicht eine Wahlmöglichkeit ohnehin, sondern ist im biblischen Sinne des Wortes Umkehr und Hinwendung zum Gott, der durch Christus die Mächte entgöttert hat und den Menschen gemacht hat zum Bruder seines Mitmenschen und zum Herrn der Natur. In dieser neuen Lebensordnung tritt das wahre Menschsein ans Licht: nicht die stolze Humanität der Griechen, sondern die Humanität der Demut die sich verbindet mit Verantwortlichkeit und Mündigkeit (81f). Wenn es Zeiten gibt in denen wir von Geschichtslosigkeit sprechen müssen, so werden diese nicht von dieser Freiheit getragen und gekennzeichnet. Der neue Herr, der mittels seiner Missionspredigt Einzug hält in dieser Welt, bringt Geschichte. Gläubige sind Menschen unterwegs. Die Existenz ist sich selbst ungleich geworden. Es gibt hinfort die Verheissung des zukünftigen Friedens. Im Leben sind die Mächte entgöttert vor allem die Macht des Staates (82). Hinter dieser Offenbarung von Jesus Christus kann man nicht mehr zurückfragen. Es gibt auch eine antichristliche Entgötterung der Mächte. Hier begegnen wir den Ideologien die wohl christliche Früchte pflücken, aber von dem Baum nichts wissen wollen. Die Folgen sind Anarchie und Nihilismus und schliesslich ein ‘neues Leben’ unter den Mächten. Berkhof lässt sich zu weitgehenden Aussagen über das christliche Geschichtsbewusstsein verführen. Die christliche Mission ist das erste weltumfassende Werk. Nur so ist die christliche Berufung Europas zu verstehen. Darin ist sogar das Existenzrecht der Vereinten Nationen verwurzelt (83).
Das Leiden in der Nachfolge Christi manifestiert sich auf drei Weisen in der Geschichte: als Verfolgung, als konkurrierende Heilslehre und als Abfall vom Glauben. Christus manifestiert sich in der Geschichte jedoch auch in der Kraft seiner Auferstehung. Die Missionsarbeit ist das erste und zentrale Zeichen davon (Matth. 24:14). Neben Passagen über das Leiden finden wir im Neuen Testament auch Passagen über die Dauerhaftigkeit des Werkes Christi, über die Zeichen und über den Wachstum des Reiches. Das gute Recht des Chiliasmus (die Lehre vom tausendjährigen Reich) beruht darauf, dass die Geschichte von Gott ist und von Jesus Christus. Das wird sich nicht nur später, sondern schon in dieser unserer Geschichte zeigen (143ff).[7] Die Kontinuität zwischen Gegenwart und Zukunft, Geschichte und Vollendung wird gewahrt von der Treue Gottes, der nicht fahren lässt das Werk seiner Hände. Seit der Ausgiessung des Heiligen Geistes wird das Geschehen in Geschichte umgewandelt[8], und werden die Bausteine für die neue Welt gelegt. Daran wird Gott einmal anknüpfen.[9] Zugleich jedoch wird seine Zukunft ganz anders sein! Dieses doppelte Bekenntnis macht uns dankbar und bescheiden zugleich (180).
Hinsichtlich der Deutung der Geschichte werden wir von Berkhof gewarnt. Man sollte nicht leichtfertig urteilen. Die Welt ist mehr als weiß und schwarz. Es gibt auch hellgrau und dunkelgrau. Im Geschichtsprozess muss man immer Partei ergreifen für das Hellgrau und gegen das Dunkelgrau und auch gegen das Grau im Hellgrau (186). Leichtfertige Urteile entarten in Pharisäismus oder in die Verkennung der Macht Christi, welche die dämonischen Mächte nicht nur entlarvt, sondern auch in seinen Dienst stellt.
2.2 Tillichs philosophisch-theologische Annäherung
Tillich hat sich sein Leben lang so intensiv mit der Geschichte beschäftigt, dass wir ihn in gewissem Sinne einen Theologen oder Philosophen der Geschichte nennen können.[10] Schon in den zwanziger Jahren versucht er eine Philosophie zu erschaffen in der das Absolut-Universelle mit dem Relativ-Konkreten verbunden ist. Dies geschieht im Kairos beim Durchbruch der Offenbarung in der Zeit. Das Bedingte wird zum Träger und Gefäss des Unbedingten.[11] Tillich weist hin auf den Religiösen Sozialismus als eine Bewegung die für ihn die Kairoserfahrung repräsentiert. In Kairos II setzt er dem verantwortungslosen Denken einen gläubigen Realismus gegenüber, der sich nicht zudecken lässt und offen steht für die Kairos, für das Durchbrechen der Ewigkeit in die Zeit.[12]
Am Ende der zwanziger und im Laufe der dreissiger Jahren wurde Tillich gezwungen seine Geschichtsphilosophie weiter zu entwickeln und zu verfeinern durch die Konfrontation mit der politischen Romantik des National-Sozialismus und die dämonisierung der Kairosidee von E. Hirsch.Wie ist eine echte Kairos zu erkennen? Das war die Frage. Um 1930 verspüren wir in der Tillichschen Theologie einen wachsenden Einfluss der Christologie. In “Christologie und Geschichtsdeutung” nennt er die Erscheinung des Neuen Seins in Jesus als der Christus die Sinngebende Mitte der Geschichte. Die Tatsache dass es mehrere Mitten in der Geschichte geben kann, die jede für sich Absolutheit beanspruchen, ruft die christologische Frage auf.[13]
Die spätere Ausarbeitung dieser Gedanken finden wir in der Systematischen Theologie (Teil V). Es gibt einen deutlichen Unterschied zwischen dem Kairos und den kairoi. Die kairoi müssen wir betrachten als abgeleitet von dem grossen Kairos Jesus Christus. Diesem Kriterium sind alle Kairoi unterworfen.[14] Der zentrale Kairos kann jedoch auch nicht ohne die anderen kairoi gedacht werden. Der Kairos ist in der Geschichte vorbereitet.[15] Diese genauere Präzisierung der Kairoslehre korrespondiert mit Tillichs Betrachtungen über die endgültige und die abhängige Offenbarung.[16] In der Mitte der Geschichte steht also der grosse Kairos, von dem alle kairoi abhängig sind und in diesem Kairos manifestiert sich der Logos.
Tillich verfasste seinen Aufsatz “Christologie und Geschichte” in Anschluss an seine Vorlesungen über ‘religiöse Geschichtsdeutung’ im Wintersemester 1928/29 in Dresden und Leipzig. Der Anfang des Aufsätzes setzt voraus was er schon geschrieben hatte in “Eschatologie und Geschichte” (1927). Betrachten wir Seiendes ausschliesslich als Natur, so steht es unter dem Vorzeichen der in sich selbst zurückkehrenden Kreisbewegung. Im Sein finden wir jedoch eine Spannung vor. Die Zeit (in soweit es ‘Geschehen’ ist) durchbricht den Kreis und läuft gradlinig auf das Neue zu. Dort finden wir den Sinn vom Sein. Ausführlich setzt Tillich die Raumgebundenheit eines Denkens auseinander, das nur am Sein orientiert ist.[17] Darauf entwickelt er seine Lehre von sinngebenden Mitte der Geschichte. Das Ende der Geschichte bestimmt nicht die Mitte, sondern es ist gerade umgekehrt. Die Mitte bestimmt den Anfang und das Ende. Von einer universellen Geschichte kann nicht gesprochen werden, weil mehrere Mitten der Geschichte möglich sind. So ist die Berufung Abrahams für die Juden die Mitte der Geschichte geworden. Der Träger von Geschichte ist ein Seiendes an dem sich Geschichte vollzieht. Träger verwirklichen Sinn. Das setzt Freiheit voraus. Wegen der Dialektik der Freiheit kann man wählen für Sinnwidrigkeit oder Sinnerfüllung. Darum soll in der Mitte der Geschichte Heil gesetzt werden. Tillich hat sich möglicherweise bei der Entwicklung seiner Lehre von der Mitte der Geschichte führen lassen durch Kierkegaard und Kähler mit ihren Lehren von der Gleichzeitigkeit mit Christus und dem übergeschichtlich Gegenwärtige.[18]
Im fünften Teil der Systematischen Theologie entwickelt Tillich die Lehre der Geschichte als eine homogene Ausbreitung des vierten Teils. Hier finden wir die letzte Artikulation der Tillichschen Geschichtsphilosophie. Im Frage-Teil setzt er sich auseinander mit der kategorialen Struktur und der Dynamik der Geschichte. Im Antwort-Teil durchdenkt er das Reich-Gottes-Symbol als Antwort in der Geschichte und das Ewige Leben als Ziel der Geschichte.
Tillich unterscheidet zwischen den Kategorien Raum, Zeit, Kausalität und Substanz. In der anorganischen Dimension herrscht die Kategorie des Raumes über die Zeit. Da gibt es Ausschliesslichkeit und Undurchdringlichkeit. In der Dimension des Geistes gibt es eine Vorherrschaft der Zeit über den Raum.[19] Hier begegnen wir Abstraktion, Unbegrenztheit und Geschichte in eigentlichen Sinne. Hochphilosophisch sind Tillichs Betrachtungen über Substanz und Kausalität. In der anorganischen Dimension der Wirklichkeit ist der Substanz teilbar. In der organischen und psychischen Dimension ist dies nicht der Fall. Da gibt es das zentrierte Selbst. In der psychischen Dimension ist die Kausalität so zu sagen gefangen in der Substanz. In der Dimension des Geistes (die der Freiheit) wird diese Begrenztheit durchbrochen. ‘Das bedingte Vorher’ bestimmt den Spielraum für einen schöpferischen Akt, aber bestimmt nicht den Inhalt dieses Aktes. So wird dem unableitbar Neuen Raum gegeben.[20]
Zur Dynamik der Geschichte gehören ‘trends’ (wenn die Notwendigkeit vorherrscht) und ‘Chancen’ (wenn der Zufall vorherrscht). Die Kairoslehre bekommt in der Systematischen Theologie ihren Platz im Kontext der Reich-Gottes-Lehre. Bricht Gottes Offenbarung durch in unsere Welt, diszipliniert durch die zentrale Manifestation des Reiches Gottes in Jesus als der Christus, so ist es ‘kairos’. Als Träger dieser kairoi (Träger der Geschichte) können Menschen aber auch Gruppen angezeigt werden. Träger der Geschichte haben Missionsbewusstsein. Die Erscheinung des Neuen Seins muss lebendig gehalten und hinausgetragen werden.
Ist das Reich durchbruch in die Geschichte, so ist das Ewige Leben Symbol für das Ziel der Geschichte. Diese Metapher bringt den Übergang vom Zeitlichen zum Ewigen zum Ausdruck. In dieser Übergang (Essentifikation) wird das Negative ausgetilgt. Das Positive trägt bei zu der ‘Anreicherung des göttlichen Lebens’. Tillich denkt dabei nicht sosehr an ein Ereignis in der nahen oder in der fernen Zukunft, sondern an die Tatsache, das wir in jedem Augenblick vor dem Angesicht des Ewigen stehen.[21] Das ist die dauernde Gegenwart des Endes.
3. Der Jesus Christus: Mitte der Geschichte
Es gibt eine gewisse Strukturgleichheit zwischen den Geschichtsauffassungen von Berkhof und Tillich. Zuerst sind beide Theologen der Überzeugung, dass die Geschichte nicht bloss ein letztes Kapitel der Dogmatik sein kann. Wenn Christus die Mitte der Geschichte ist, so kann die Christologie nicht ohne die Geschichte und die Geschichte nicht ohne die Christologie geschrieben werden. Beide Konzepte fangen an mit der historisch sinnvollen Zeit. Dies ist eine Voraussetzung sowohl für den Exegeten als auch für den Philosophen. Es lässt sich feststellen dass nur die lineare Zeitauffassung historisch sinnvoll sein kann. Abraham kehrte nicht zurück in Ur, Odysseus jedoch wohl auf Ithaka. Der Kreislauf ist der stumme Ring des Daseins und wird assoziiert mit Gesetzmässigkeit und nicht mit Freiheit. Gottes Gnade[22], das Neue Sein in Jesus als der Christus macht frei und steht offen für das unableitbar Neue. Besonders interessant ist Berkhofs Beobachtung dass Gott (anders als in der persischen Religion) ringend Gott bleibt und souverän über seinen eigenen Kampf erhaben. Die Gegenmächte sind nicht nur Gegenmächte sondern auch Mittel in seiner Hand.[23] Hier finden wir die biblische Unterbauung von Tillichs These dass Gott als das Sein Selbst ständig das Nicht Sein in sich überwindet.
Sowohl für Berkhof als auch für Tillich spielen Reich-Gottes und Mission eine wichtige Rolle. Die Gläubigen sind Träger der Geschichte. Das Reich Gottes, Reich der Freiheit wird durch sie getragen und ausgetragen. So entfaltet sich die Geschichte von Heil, die neue Lebensordnung, die wahre Humanität. Man muss wohl sagen, dass Berkhof hinsichtlich der Mission anspruchsvoller ist als Tillich. Tillich gemäss sind mehrere Mitten in der Geschichte möglich und jeder Träger der Geschichte hat sein Missionsbewusstsein. ‘Mitte der Geschichte’ ist für Berkhof kein terminus technicus, aber de facto lehrt er, dass Christus das Zentrum der Geschichte ist. Das Christusgeschehen ist für Berkhof einmalig und damit auch exklusiv. Immer wieder betont er dass Gott das Geschehen zur Geschichte macht, zur Analogie von dem Kreuz und von der Auferstehung Christi. Hinter dem Christus zurück oder an Ihm vorbei gibt es keine Freiheit. Berkhof kann der Annektierung nicht ganz ausweichen: Wird irgendwo geeifert für die Humanität, so ist das auch unbeabsichtigt zur Ehre Christi. Er gibt dem Dialog mit den Religionen auch kaum einen Raum. Im Hinduïsmus wird unsere historische Wirklichkeit negativ gewertet. Es ist maya, der Schleier über dem ewig-unveränderlichen Sein. Darin gibt es keinen Platz für Christus und sein Reich. Der Islam ist ganz und gar kein Gesprächspartner. Als Religion kann der Islam nur post Christum, mehr noch anti Christum sein. Der Islam ist die Gestalt in der die Kreuzigung Jesu Christi welthistorische Dimensionen annimmt. Der Islam ist die grosse konkurrierende Heilslehre, das grosse Hindernis auf den Weg zum Reich Gottes. Wir stellen fest dass Jesus Christus in Berkhofs Theologie die exklusive Mitte der Geschichte ist. Auch in späteren Jahren suchen wir vergeblich nach einer mehr dialogischen Haltung. In 1968 hielt er einen Vortrag in der Assemblee der Weltrat der Kirchen in Uppsala. Auch da zeigt sich die Absolutheit (finality) von Christus: “Jesus Christus absolut nennen, bedeutet ihn Herr, Hoffnung, Licht usw. nennen. Was wir hier Absolutheit nennen, gehörte schon immer zum Wesen des christlichen Glaubens. Aber diese Welt weist entschlossen jede Anspruch auf exklusivität zurück.[24] Alles zusammengenommen ist Berkhof representativ für viele Theologen die sich zur biblischen Theologie bekennen. Die Einzigkeit Christi wird als Exklusivität interpretiert. Er ist die notwendige Mittebestimming der Geschichte.
Obwohl auch für Tillich der Jesus Christus die Mitte der Geschichte ist, gibt es bei ihm eine deutliche Entwicklung in Richtung des Universalismus. Anfänglich ist Tillichs Geschichtsauffassung ziemlich philosophisch orientiert. Eine Konkretisierung der Kairosidee zeigt sich, Tillich gemäss, im Religiösen Sozialismus. Aber das ändert sich almählich. Es war Mahlmann der schon 1965 auf Tillichs ‘Wendung ins Christliche’ in den Jahren um 1930 hingewiesen hat.[25] In diesen Jahren sah er sich gezwungen seine Kairoslehre ab zu schirmen von der Dämonisierung. Jesus Christus wurde der grosse Kairos. Nur so konnte er die Mitte der Geschichte werden, normierend, disziplinierend.
Tillich publiziert 1957 die Systematische Theologie II. Darin repräsentiert Jesus als der Christus das Neue Sein. Er ist das Zentrum der Geschichte[26], Träger des Neuen Seins in dem die Entfremdung überwunden ist. Seine Bedeutung als solche ist also universell und bekommt kosmische Züge.[27] Die kosmischen Symbole von Kreuz und Auferstehung werden beschrieben im Abschnitt über ‘die universale Bedeutung des Ereignisses Jesus als der Christus’.[28] Es fällt auf, dass Tillich in seiner Christologie das Gespräch mit den Weltreligionen nicht oder kaum führt. Und wenn davon die Rede ist, dann bleiben wir innerhalb des Frage-Teils der Korrelationsmethode… bei der Entwicklung der Existenz als Frage nach dem Neuen Sein. Tillich hütet sich, der Gesetzes-Gehorsam mit Legalismus gleichzuschalten. Er nennt das Judentum jedoch unter den scheiternden Wege der Selbsterlösung. Unzulänglich ist auch der buddhistische Erlösungsweg, weil das Neue Sein jenseits der Geschichte gesucht wird. Der Islam ist im Gegensatz zu den orientalischen Religionen wohl ‘geschichtlich’, aber kennt nicht wie das Christentum eine disziplinierende Mitte, die die Protologie und die Eschatologie bestimmt.
Hiermit lehrt Tillich immer noch einen Christus von universeller Bedeutung. Sehr spekulativ ist seine Erwägung, dass Jesus der Christus ist ‘für uns’, für die geschichtliche Menschheit in ihrer einmaligen, kontinuierliche Entwicklichung hier und jetzt. Es besteht eine Möglichkeit, dass die Menschheit sich vernichtet: “Man könnte sich vorstellen, dass eine totale Katastrophe und ein völlig neuer Anfang des Menschengeschlechts keine Erinnerung an das Ereignis “Jesus der Christus” hinterlassen würde. Aber dies schliesst andere Wege für die göttliche Selbst-Manifestation vor und nach dem historischen Kontinuum, in dem wir stehen nicht aus.”[29] Wie spekulativ diese Stelle auch ist, Tillich bleibt hier innerhalb der Grenzen des theologischen Zirkels und Christus hat universelle Bedeutung.
In den fünfziger Jahren bedient Tillich sich noch völlig des Schemas der Korrelationsmethode. Zum Beispiel in “Communicating the gospel.[30] Später beobachten wir jedoch eine deutliche Relativierung seiner Stellungnahme und entsteht eine mehr offene dialogische Haltung. Tillich ist immer mehr interessiert an der Begegnung der Weltreligionen. Das hat seinen Grund in der Begegnung mit Hisamatsu Shin’ichi (Buddhist) zu Harvard (1957), seine Japan-Reise in 1960 und seine Freundschaft mit Mireca Eliade.[31] Überdies herrschte um 1960 in den VS ein geistiges Klima das neue Herausforderungen brachte. Symptomatisch dafür ist zB das ‘editorial’ vom Januar 1961 in Theology Today: New Occasions Teach New Duties. Zitat: “What needs to be done if theological education is to keep abreast of the changes in the world is something more prophetic than the addition of courses in Hinduism, Buddhism, and comparative anthropology and sociology – though these ought not to be ignored. A radical readjustment of curriculum, and not mere tampering with traditional loci, is inevitable – not to sell short or liquidate the Western tradition but to update it as a dynamic and critical perspective within a new world situation.”[32]
In den sechziger Jahren spricht Tillich viel über die Quasi-Religionen – Faschismus und Kommunismus – aber diese Drohung ist ihm nicht so nahe als der ehemalige Nazionalsozialismus und deshalb bleibt die Christologie mehr und mehr im Hintergrund. Die Begegnung der Weltreligionen ist für ihn viel mehr eine Herausforderung. Jetzt setzt der die Akzente anders. In “Christianity and the Encounter of the World Religions”(1963) weist er hin auf die stark universalistischen Tendenzen im Christentum. Zugleich hält das Christentum fest am letzten Kriterium: Jesus Christus. Dieses dialektische Verhältnis des Christentums zu den Religionen zeigt sich am deutlichsten in seiner Selbstkritik. Verschmelzung der Religionen kann nicht die Absicht sein: “Eine Verschmelzung der Religionen würde die Konkretheit jeder einzelnen zerstören und damit ihre dynamische Kraft.” Das Christentum soll jedoch sich selbt überwinden. Tillich greift hier zurück auf eine nahezu Barthiansche Religionskritik! “Wenn das Christentum mehr sein will als eine Religion, dann muss es gegen alles in sich ankämpfen, wodurch es eine “Religion” wird. Das ist kein Preisgeben der eigenen religiösen Tradition. Es ist das Durchbrechen der eigenen Partikularität um in Freiheit mit anderen dem Göttlichen auf die Spur zu kommen, das in allen Formen des Lebens und der Kultur gegenwärtig ist. Methodisch hat Tillich diese Begegnung mit den Weltreligionen dynamische typologie genannt.[33] Man könnte sagen das Jesus Christus für das Christentum die Mitte der Geschichte ist. Seine Bedeutung ist jedoch nicht exklusiv sondern universell.
4. Notwendige Mittebestimmung? Exklusivität und Universalität
Wir beschränken uns jetzt auf die Frage ob Jesus Christus die notwendige Mitte der Geschichte sein soll oder nicht. Berkhof und Tillich geben hinsichtlich dieser Frage keine übereinstimmenden Antworten. Berkhofs Antwort ist: Jezus der Christus ist notwendig und exklusiv. Tillichs Antwort ist: Jesus der Christus ist notwendig aber nicht exklusiv. Diese unterschiedlichen Antworten hängen zusammen mit der Bewertung der eigenen Religion. Wenn man die eigene Wahrheit absolut stellt, so muss man exclusiv denken. Das ist die Denkart Berkhofs, die viele biblische Theologen mit ihm teilen. So wird Christus die notwendige und exklusive Mittebestimmung der Geschichte: Wenn die Zeiten nicht gekennzeichnet werden durch die Freiheit von Christus, so sind sie geschichtslos! Ein anderes Zentrum als Jesus Christus ist nicht gegeben. Hinter ihm zurück gibt es ‘das Leben unter den Mächten’ und an ihm vorbei finden wir Nihilismus und dann aufs Neue ‘das Leben unter den Mächten’. Berkhof spricht in diesem Zusammenhang sogar von einer christlichen Berufung Europas in der Welt.[34]
Für Tillich als protestantischer Theologe kann der Jezus Christus auch nichts anders sein als die notwendige Mitte der Geschichte. Aber zugleich ist diese Wahrheit nicht exklusiv. Auch dies hängt zusammen mit der Bewertung der eigenen Religion. Dieser Standpunkt lässt sich vielleicht noch am besten illustrieren am Schluss von Tillichs ’Das Christentum und der Begegnung der Weltreligionen’: “In der Tiefe jeder lebenden Religion gibt es einen Punkt, an dem die Religion als solche ihre Wichtigheit verliert und das, worauf sie hinweist, durch ihre Partikularität hindurchbricht, geistige Freiheit schafft und mit ihr eine Vision des Göttlichen, das in allen Formen des Lebens und der Kultur gegenwärtig ist.[35] Also: Auf der Ebene der eigenen theologischen Reflexion für den Gläubigen ist Christus die notwendige Mitte, aber in der Begegnung der Weltreligionen gewinnt er eine universelle Bedeutung. Gemäss der Methode der dynamischen Typologie (siehe oben) wird jeder Dialog zwischen den Religionen von einem Stillen Dialog im Innern des einzelnen Teilnehmers begleitet. Die Polaritäten werden diskutiert und zu gleicher Zeit kämpft man in sichselbst um die eigene Wahrheit.[36]
Wir kommen zu der Schlussfolgerung. Man kann viel Strukturgleichheit nachweisen zwischen den Geschichtsauffassungen von Berkhof und Tillich. Trotzdem hat der eine sein Thema exclusivistisch und der andere es universalistisch ausgearbeitet. Man könnte sagen, dass die Kategorien Exklusivismus und Universalismus nicht notwendigerweise mit dem Thema der Geschichte zusammanhängen. Sie zeugen viel mehr von einer persönlichen Ausrichtung. Es sind nicht so sehr die theologischen sondern die psychologischen Kategorien die hier entscheidend sein. Der biblische Theologe kann jedenfalls von Tillich lernen, dass man an der zentralen Bedeutung Jesu Christi festhalten kann und dessenungeachtet den Dialog mit den Weltreligionen führen kann. Der Exklusivismus wirkt immer konfrontierend. Eine mehr offene Haltung – wie bei Tillich – verspricht mehr Aussicht.
Zum Schluss – wie verprochen – noch etwas über die Vereinigung der protestantischen Kirchen in Holland. Es gab in unserm Lande lange Zeit drei grosse protestantische Kirchen. Zwei calvinistische Kirchen und die Lutherische: De Nederlandse Hervormde Kerk (Berkhof war Mitglied dieser Kirche), De Gereformeerde Kerken in Nederland (wozu ich gehörte) und De Evangelisch-Lutherse Kerk in het Koninkrijk der Nederlanden. Seit dem ersten Mai dieses Jahres (2004) bilden diese Kirchen zusammen die Protestantische Kirche in den Niederlanden (P.K.N.).
Es hat besonders in der Gereformeerde Kerk in den vergangenen Jahrzehnten viel Streitigkeiten gegeben über die Christologie. Es handelte sich dabei vor allem über die Objektivität der Versöhnung und die Unizität von Christus. Deshalb haben die drei Kirchen, schon im Prozess ihrer Vereinung ein Dokument verfasst über die Christologie mit dem Titel: “Jezus Christus, unser Herr und Erlöser”. In diesem Dokument wird der Begriff der Korrespondenz benutzt. Zitat: “In Christus hat Gott uns für immer und entgültig mit sich versöhnt und ein neues Leben mit Ihm möglich gemacht. Versöhnung mit Gott und zwischen Menschen kann auch heute geschehen durch Umkehr und Reue (berouw). Aber dies geht nicht an Christus vorbei. Wir glauben das wahre Versöhnung dadurch getragen wird und damit korrespondiert.”[37] Persönlich finde ich hier ein Beispiel vor vom Christusbekenntnis einerseits und zugleich die mehr offene dialogische Haltung andererseits: “…und was damit korrespondiert!”
[1] H. Berkhof, Christus de zin van de geschiedenis, Nijkerk 1958.
[2] Für Biographisches: E.P. Meijering, Hendrikus Berkhof. Een theologische biografie, Kampen 1997.
[3] Verweisungen im Text mit Seitennummer zwischen Klammern.
[4] Gereformeerd Theologisch Tijdschrift 63(1963)197vv.: Kroniek door dr. H.M. Kuitert en Dr. G.Th. Rothuizen. Interview met Professor Dr. H. Berkhof, p. 199: “Kuitert: Professor, Uw eigen werk. Wat schreef U het liefst? Berkhof: Dat is moeilijk te bedenken. Ik schrijf altijd graag. Maar misschien is dat toch wel De zin der geschiedenis geweest, omdat ik toen zulke nieuwe velden moest betreden en ontdekkingen doen.”; E. Flesseman van Leer e.a., Bruggen en bruggehoofden. Een keuze uit de artikelen en voordrachten van prof. dr. H. Berkhof uit de jaren 1960-1981, verzameld en uitgegeven ter gelegenheid van zijn afscheid als kerkelijk hoogleraar te Leiden, Nijkerk 1981, p. 18: “In de oorlog had ik haar theologisch gehalte aan den lijve ervaren. In de hongerwinter ontstond het plan voor dit boek, maar door tijdgebrek en door de zwaarte van het onderwerp kwam het pas veertien jaar later klaar. Gezien de combinatie van biblicisme en speculatie waarop het was gebouwd, verscheen het eigenlijk te laat. Maar veel eruit ervaar ik nog als waar; de kern ervan zou methodisch genuanceerder en voorzichter opnieuw ontwikkeld moeten worden.”
[6] H. Berkhof, Christus de zin van de geschiedenis, S. 31: “Maar wij verwerpen dit dreigend alternatief met ons ganse hart. Het is de openbaring van God die ons eenmaal het gebeuren deed ontdekken als geschiedenis. Alleen de weg naar die openbaring kan ons een weg vooruit wijzen naar de toekomst. Dit boek berust op de overtuiging dat de geschiedenis een zin heeft en dat deze daar te vinden is vanwaar Europa hem eenmaal heeft ontvangen: uit de Godsopenbaring in Israël en in Jezus Christus.”
[7] Berkhofs Exposition über die Rettung Israels (Rom 11:26) lassen wir ausser Betracht.
[8] Unter ‘geschehen’ versteht Berkhof die blosse Progression der Zeit, die Aufeinanderfolge der Vorgänge, ohne dass diese durch Christus zur Geschichte gemacht sind. Gott macht das Menschengeschehen zur Geschichte, zur Analogie von Christi Kreuz und Auferstehung.
[9] Berkhof weist hin auf das ungemein schöne Wort aus der ‘Gereformeerde Dogmatiek’ von dr. H. Bavinck: Alwat waarachtig is, alwat edel is, alwat rechtvaardig is, alwat rein is, alwat lieflijk is, alwat welluidt, in de ganse schepping, in hemel en aarde, wordt in de toekomstige Godsstad samengebracht, maar vernieuwd, herschapen, tot zijn hoogste heerlijkheid opgevoerd. De substantie ervoor is in deze schepping aanwezig (168).
[10] Paul Tillich, Gesammelte Werke (Weiter GW) VII, S. 16f.: Die Geschichte wurde zum Zentralproblem meiner Theologie und Philosophie durch die geschichtliche Wirklichkeit, wie ich sie bei meiner Rückkehr aus dem ersten Weltkrieg vorfand. (Die protestantische Ära, Einleitung).
[11] GW VI, S. 20.
[12] GW VI, S. 41: Es ist nicht der Realismus der in sich ruhenden Endlichkeit, sondern es ist ein Realismus, der offen ist für das Ewige. Es ist ein gläubiger Realismus.
[13] GW VI, S. 88.
[15] GW VI, S. 138; Vgl. Systematische Theologie (weiter SyTh) III, p. 419: Wir sprachen von dem Augenblick, in dem die Geschichte – in einer konkreten Situation – soweit zur Reife gelangt ist, dass sie die zentrale Manifestation des Reiches Gottes aufnehmen kann.
[19] Tillichs Gedanken über den Widerstreit von Raum und Zeit haben eine starke gesellschaftskritische Auswirkung. Gott ist Herr der Zeit/Geschichte. Nationalgötter sind meistens ‘Götter des Raumes’. Siehe diesbezüglich seine Kritik am Nationalsozialismus (GW II: Die sozialistische Entscheidung; Das Wohnen, der Raum und die Zeit; Begriffe wie ‘politische Romantik’ usw.) An diesem Punkt der Lehre können wir Tillich bestimmt aktualisieren. Viele territoriale Konflikte und Spannungen zwischen Bevölkerungsgruppen können zurückgeführt werden auf die Verehrung der ‘Götter des Raumes’. Vergleiche auch Tillichs Aüsserungen über den Zionismus (GW II, S. 239ff; GW XIII, S. 403-408).
[20] Hier schliesst Tillich sich Schelling an (die Lehre der Essentifikation): SyTh III, S. 453: Man könne von einer ‘Anreicherung’ des göttlichen Lebens durch die geschichtlichen Prozesse sprechen.
[22] In katholischen Kreisen hat man immer Natur und Gnade einander gegenübergestellt. Im Protestantismus finden wir den Gegensatz zwischen Gesetz und Evangelium. Kreislauf der Natur als solcher ist deshalb nicht ‘gnadenlos’ und échte Freiheit ist eine Gabe Gottes. Die Natur soll nicht vernichtet werden, sondern wie Thomas v. Aquin sagte: gratiam perficit naturam!
[23] H. Berkhof, Christus de zin van de geschiedenis, S. 40. Unvergleichlich tief zeugt Jesaja 10 davon (Assur!).
[24] H. Berkhof, in: Bruggen en Bruggehoofden (herausgegeben von E. Flesseman-van Leer, F.O. van Gennep und W.E. Verdonk), Nijkerk 1981, S. 75.
[25] Th. Mahlmann, Eschatologie und Utopie im geschichtsphilsophischen Denken Paul Tillichs, Neue Zeitschrift für systematische Theologie 7(1965) S. 339-370.
[26] P. Tillich, SyTh II, S. 97f.: Im Christentum geschieht das entscheidende Ereignis in der Mitte der Geschichte, und durch dieses Ereignis erhält die Geschichte ihr Zentrum. Aber das Christentum kennt auch das ‘noch nicht’ der Erfüllung; es kennt neue Offenbarungsmöglichkeiten in jedem Augenblick der Geschichte. Jedoch kann keine dieser Möglichkeiten über das hinausgehen, was schon im Zentrum enthalten ist. Das liegt im Titel “Der Christus”, dem Namen, den das Christentum dem Träger des Neuen Seins beilegte.
[27] P. Tillich, SyTh II, S. 132: Was in ihm geschieht, geschieht darum in Form wechselseitiger Teilnahme im Universum. Das ist qualitativ, nicht quantitativ gemeint. Quantitativ ist der Einfluss des Menschen auf das Universum unmessbar gering. Qualitativ ist die Veränderung einer Seinsform an einem Ort des Universums unendlich bedeutungsvoll für das Universum als Ganzes. Darum hat ein Ereignis im Zentrum eines Selbst universale Wichtigkeit; und umgekehrt: Ein Ereignis von universaler Bedeutung, die Erscheinung des “Neuen Seins”, war nur in einem personhaften leben möglich.
[31] P. Tillich, Ergänzungs- und Nachlassbände zu den Gesammelten Werken (weiter ENGW) IV, S. 154.
[34] H. Berkhof, Christus de zin der geschiedenis, S. 84.
[35] P. Tillich, GW V, S. 98.
[36] P. Tillich, GW V, S. 79.
[37] Jezus Christus, onze Heer en Verlosser, Rapport voor de triosynode nov/dec 2000. “korrespondiert” wird hier übrigens in einer nicht-systematischen, arglosen Weise benutzt.